Werkstatt

Wie ein gestrandeter Wal

Gestrandeter Wal

Der Anruf

Den ganzen Tag höre ich nichts von der Werkstatt, dann, um 16:14 bekomme ich endlich einen Anruf.

Ich habe einen Mechaniker am anderen Ende der Leitung und das Gespräch geht ungefähr so:

Mechaniker: Guten Tag, es geht um Ihren Peugeot Boxer und zwar, es geht darum, der Wagen springt doch nicht an, richtig? Sie sind doch gestern mit dem ADAC zu uns in die Werkstatt geschleppt worden?
Ich: Ja, genau.
Mechaniker: Okay, haben Sie zu dem Fahrzeug einen Zweitschlüssel?
Ich: Ja.
Mechaniker: Könnten Sie uns den vorbeibringen? Also, es ist so, der Wagen springt ja nicht an, aber der Fehlerspeicher ist leer und dann haben wir im Menü etwas zur Wegfahrsperre gesehen, aber Sie haben doch einen Zweitschlüssel. Könnten Sie uns den vorbeibringen?
Ich: Äh, ja, aber die Fehlermeldung mit der Kühlflüssigkeitstemperatur haben Sie schon gesehen?
Mechaniker: Ja, die habe ich gesehen, aber der Wagen springt ja gar nicht an und bevor wir da alles auseinandernehmen um den Fehler zu finden, wärs gut, wenn wir ausschließen könnten, dass es an der Wegfahrsperre liegt.
Ich: Und die Wegfahrsperre könnte sich einfach so von alleine einschalten?
Mechaniker: In den Schlüsseln ist ein Chip, wenn man den Schlüssel im Zündschloss dreht, wird gesendet, ob das auch der richtige Schlüssel ist. Wenn da im Schlüssel ein Wackelkontakt wäre, dann würde der Wagen manchmal anspringen und manchmal nicht. Deswegen wärs gut, wenn wir einen zweiten Schlüssel hätten.

Ich kürze das Gespräch an dieser Stelle ab. Also: Ich sage weiter nichts mehr dazu, lasse mir nur noch bestätigen, dass bis 17:00 jemand in der Werkstatt ist und verabschiede mich.

Überzeugt bin ich nicht, irgendwie… verstehe ich das alles nicht. Was soll denn bitte der Zündschlüssel mit der Kühlflüssigkeit zu tun haben? Es sei denn, natürlich, Fluffy hätte einen Selbstzerstörungsmechanismus. Wenn die Wegfahrsperre ausgelöst wird, lässt sie die Sonden platzen 😀

Und wenn er die Fehlermeldung mit der Kühlflüssigkeit gesehen hat – wie kann er dann sagen: „Der Fehlerspeicher ist leer“?

Aber ich will dem Mechaniker jetzt auch nicht weiter auf die Nerven gehen. Und mir tut es ja auch nicht weh, ihm den zweiten Schlüssel zu bringen.

Fräulein Fluffys Gespür für Timing

Das ist etwas, das mich ein bisschen zum Nachdenken bringt. Vielleicht träume ich das alles nur. Dieser Blog, diese Fluffy, das alles ist vielleicht gar nicht real. Das ist nur reine Einbildung. Nur in meinem Kopf. Erster Beweis: Keiner hat so ein Auto. Also, außer mir. Die Autos der anderen Menschen, die fahren. Tobi hat für 3000 Mark eine alte UPS-Schrottkiste erworben und das Ding fährt immer noch, wie eine eins. Das einzige, was Fluffy wie eine eins tut, ist stehen. Oder besser: Liegen bleiben. Wie ein Panzer, dem der Sprit ausgegangen ist. Also: Okay. Sie hat.. stehvermögen 😀

Jedenfalls, also:

  1. Indiz: Niemand hat so ein Auto!
  2. Indiz: Das erste Mal liegen geblieben ist sie direkt vor der Werkstatt. Als ich noch keinen Schutzbrief hatte und abschleppen entsprechend teuer gewesen wäre.
  3. Indiz: Das zweite Mal liegen geblieben ist sie, bei meiner ersten „Fahrt“ mit abgeschlossenem Schutzbrief.
  4. Indiz: Die Werkstatt fragt genau dann nach meinem Zweitschlüssel, wenn er mir ausnahmsweise sogar zur Verfügung steht. Der zweite Schlüssel war zuvor die ganze Zeit bei Johnny

Ist doch schon irgendwie merkwürdig, oder? Fräulein Fluffys Gespür für Timing, meine ich?

Die Schlüsselfrage

Die Schlüsselfrage aber, die lässt mir keine Ruhe. Später, als ich im Bett liege um eine kleine Mütze voll Schlaf nachzutanken, da tippt sie mir von hinten auf die Schulter.

„Welchen Schlüssel hast du dem Schrauber gegeben?“, fragt sie mich.

Und ich überlege.

Ich habe zwei Schlüssel, einen rein mechanischen und einen Funkschlüssel. Ich glaube, ich habe dem Schrauber den rein mechanischen Schlüssel gegeben. Doch, ja, wenn ich so drüber nachdenke, bin ich mir da fast ganz sicher.

Die Peugeotwerkstatt hat hingegen meinen Funkschlüssel bekommen, gestern, im Nachtbriefkasten. Dabei hatte ich sogar beide Schlüssel dabei. Und habe darüber nachgedacht, ob ich ihnen den mechanischen geben soll. Hab ich aber nicht gemacht, weil:

Falls sie sich des Problems mit der Schiebetür annehmen wollten, habe ich mir gedacht, wäre es vielleicht nicht unpraktisch für sie, einen Funkschlüssel zu haben. Außer der Fahrertür gibt es an Fluffy ja keinen intakten Schließzylinder – und die Fahrertür kommuniziert nicht mit der Zentralverriegelung.

„Mit welchem Schlüssel hast du beim Fahrzeugkauf deine Probefahrt gemacht?“, meldet sich die Schlüsselfrage ein weiteres Mal. Und: Ich weiß es genau. Es war der mechanische Schlüssel. Den Funkschlüssel haben sie überhaupt erst suchen müssen. Vom Funkschlüssel wussten sie zunächst gar nicht, wo er ist. Was ja – vielleicht, eventuell – bedeuten könnte: Es ist tatsächlich was mit dem Schlüssel. Und ein Schlüssel, mit dem das Auto nur manchmal fährt, wäre ja in der Tat für ein Speditionsunternehmen nicht wirklich brauchbar (für mich übrigens auch nicht) – und bei Dingen, die mehr oder weniger unbrauchbar sind, weiß man auch oft nicht auf Anhieb, wo die sind.

„Mit welchem Schlüssel bist du damals vom Schrauber weggefahren?“, fragt die Schlüsselfrage weiter. Und hier hat sie mich: Das weiß ich nämlich nicht. Könnte der Funkschlüssel gewesen sein. Könnte sich aber auch um den rein mechanischen gehandelt haben.

Ich weiß, dass ich den Funkschlüssel verwendet habe, um Fluffy zum ersten Mal zur Peugeotwerkstatt zu fahren, denn da hatte ich den rein mechanischen schon Johnny gegeben. Entsprechend weiß ich auch sicher, dass ich den Funkschlüssel verwendet habe, als Fluffy vor der Peugeotwerkstatt liegen geblieben ist. Und als Fluffy vor der Peugeotwerkstatt erst beim vierten Versuch angesprungen ist, da auch.

Weiter gehe ich davon aus, dass die Werkstatt bereits wüsste, wenn die Batterie das Problem wäre. Und:

Ein Schlüsselproblem würde zu Fluffy wirklich passen wie die Faust aufs Auge. Mit Schlössern hat sies einfach nicht so. Aufverschlossen heißt der Fachbegriff, der Fluffys markantesten Charakterzug am treffendsten beschreibt. Also: Vorausgesetzt ihr markantester Charakterzug erweist sich nicht doch noch als ausgepräges Stehvermögen, versteht sich.

Die SMS

Am Nachmittag, um 16:14 hat mich der Mechaniker angerufen, ob ich den Zweitschlüssel vorbeibringen könnte. Es dauert keine 5 Minuten, da bin ich auch schon unterwegs und weil der Verkehr überraschend flüssig ist, bin ich auch zügig bei der Werkstatt um am Empfang den Schlüssel abzugeben.

Mehr ist von der Empfangsdame – die selbst nichts weiß – nicht in Erfahrung zu bringen und so verabschiede ich mich und gehe erst mal einkaufen.

Am Abend sehe ich, dass ich eine SMS bekommen habe.

Mi. 20/03/2019
Sehr geehrer Kunde, wir möchten Sie an Ihren Servicetermin am 21.03.2019 um 13:00 in unserem Hause erinnern. Ihr Autohaus Peugeotwerkstatt.

Ich stutze. Lese die SMS ein zweites Mal, versuche die Puzzleteile in eine Ordnung zu bringen. Mir entfährt ein lautes: „Häää?“ und Tim fragt: „Was denn?“.
„Ich habe eine SMS bekommen“, sage ich und zeige ihm mein Handy.
Tim findet die SMS genauso komisch, wie ich.

Es ist schon Abends, schon nach 8, entsprechend werde ich hier nichts mehr in Erfahrung bringen. Am nächsten Morgen aber prüfe ich noch einmal die Nummer des Absenders (ja, es ist wirklich die Peugeotwerkstatt) und rufe dann dort an.

In meinem Kopf hatte ich schon einige Theorien, zum Beispiel diese da, die, mit dem Herzklopfen:

Direkt nachdem ich den zweiten Schlüssel vorbeigebracht habe, hat der Mechaniker ihn erfolgreich ausprobiert. Fluffy springt an, es ist alles super und ich soll um 13:00 vorbeikommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen! Halleluja!

Oder auch… die Theorie, der die Empfangsdame am Telefon anhängt: „Ich weiß auch nicht, was es damit auf sich hat. Ignorieren Sies.“ Als: Irgendein Irrtum, unerklärlich, niemand weiß. Tja. Schade.

Die Rückmeldung

Dienstag wollte ich mit Fluffy wegfahren und wurde stattdessen zur Werkstatt abgeschleppt, Mittwoch habe ich meinen zweiten Schlüssel vorbeigebracht, für Donnerstag bekam ich eine Terminbestätigung für einen Termin, der nicht existierte. Und Freitag bekam ich dann endlich wieder einen Anruf.

Mechaniker: Guten Tag, es geht um Ihren Peugeot Boxer und zwar haben wir uns die Tür angesehen, da sind die Schienen und die Rollen verbogen, wir haben Ihnen einen Kostenvoranschlag erstellt, die Reparatur der Schiebetür käme auf 700 Euro.
Ich weiß nicht ob ich etwas sage. Ich glaube ich sage: „Aha, okay.“ Aber denken tu ich: Hallo? Mister? Was interessiert mich die verfickte Schiebetür? Wie geht es meinem Auto?
Vielleicht kann der Mechaniker meine Gedanken hören, vielleicht ist das so ne Art verkaufstaktik bei denen, wir sagen erst die schlechte Nachricht und dann die ganz beschissene. Oder die Taktik lautet: „Wir sagen erst die Dinge, die wir verstanden haben und danach erzählen wir vom magischen Denken. Der Mechaniker fährt nämlich fort.

Mechaniker: Das Auto ist gerade angesprungen. Nachdem es jetzt zwei Tage auch bei uns nicht angesprungen ist, läuft es gerade.
Ich weiß nicht, ob ich etwas sage. Also, ich weiß was ich alles in diesem Telefonat gesagt habe, ich habe nämlich zum Beispiel gesagt: „Und Sie haben nichts repariert?“ Oder „Aber Sie sind sich sicher, dass es nicht an der Batterie liegen kann?“ und auch: „Okay, und was würde das kosten?“
Mechaniker: Nein, ich kann nicht ausschließen, dass es an der Batterie liegt. Die Batterie sollte auf jeden Fall getauscht werden. Aber ich kann eben auch nicht ausschließen, dass es noch etwas anderes ist. Dazu müsste man mal den Kabelbaum freilegen und nach dem Fehler suchen, das wären aber bestimmt noch einmal 3-4 Stunden Arbeit. Wie gesagt, wir haben bis jetzt nichts gemacht, das Fahrzeug ist 2 Tage auch bei uns nicht angesprungen, aber jetzt gerade lief es bei uns zum ersten Mal. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, woran es liegt und wenn Sie es abholen wollten, kann ich Ihnen nicht versprechen, dass es wieder anspringen würde.
Ich: Okay. Alles klar. Ich muss darüber nachdenken und melde mich wieder.
Mechaniker: Gut, dann verbleiben wir jetzt so, ich mache jetzt weiter nichts und warte auf Ihre Rückmeldung.

Ich bin völlig perplex, nach diesem Gespräch. Ich verstehe nicht wirklich, warum der Mechaniker mich anruft, um mir mitzuteilen, dass mein Auto nun einmal angesprungen ist, er aber nicht weiß, warum. So wie er nicht weiß, warum es jetzt 2 Tage nicht angesprungen ist. Ich verstehe nicht wirklich, warum er in dieser Situation meine Schiebetür für die Hauptnachricht hält – oder, andernfalls: Warum er das Gespräch mit der Nebennachricht beginnt. Und was: „Heute ist Ihr Fahrzeug angesprungen“ eine Hauptnachricht wert sein soll.

Außerdem bin ich auch ein bisschen geschockt. Und trübselig. Und trotzig.

Und ich merke: Ich habe keine Lust auf diese Peugeotwerkstatt. Ich kann diese Werkstatt nicht leiden. Ich will zurück zu meinem Schrauber!

Die Überstellung

Freitag Abend, nach dem Einkaufen, fahre ich kurz beim Schrauber vorbei, der ist noch da. Im Gegensatz zu den Jungs in der Peugeotwerkstatt, die schon lange Feierabend haben. Weswegen ich auch niemanden mehr erreicht habe, als ich es lange genug habe sacken lassen, um zu einer klaren Willensäußerung fähig zu sein.

Jedenfalls, der Schrauber ist noch da. Und der Schrauber gibt mir grünes Licht, Fluffy zu ihm zurückzubringen.

Nur eben nicht mehr Freitag, denn Freitag ist niemand in der Peugeotwerkstatt.

Ich versuche es am Samstag wieder, als erstes einmal: Telefonisch. Anrufen ob da überhaupt jemand ist, obwohl ich mir sicher bin, dass ich bis 12:00 vorbeikommen kann.

„Ja“, sagt die Frau am Empfang. „Bis 12:00 können Sie abholen. Ist das denn ausgemacht? Ich finde hier keine Fertigstellung.“

„Nee“, sage ich. „Da gab es nur einen Kostenvoranschlag, aber es wurde nichts gemacht.“

„Aha“, sagt die Frau. Und dann stellt sie fest: Ich kann Fluffy nicht abholen. Denn sie findet meine Schlüssel nicht. Und in der Werkstatt ist niemand. Und alles ist doof.

Also versuche ich es morgen noch mal. Und Toi Toi Toi, dass Fluffy dieses eine Mal anspringt!

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